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(file: @@Deschner-online.pdf@@)Freidenker-Vereinigung der Schweiz 2 I 2013 «Natürlich gibt es Gott nicht. Aber wir haben ihn erfunden. Wieso?» Alain de Botton, Philosoph Seite 14 Vollendung – aber kein Ende der Kriminalgeschichte des Christentums Karlheinz Deschner Seite 10 Kirchensteuern: nicht mehr zeitgemäss Seite 5 Aufbruch zum Wandel in Keshavapuram Seite 7 Säkulare Werte: Demokratie und Recht Seite 8 10 Michael Schmidt-Salomon Kriminalgeschichte des Christentums Kurze Geschichte eines grossen Werks «Ich möchte das Werk zu einer der grössten Anklagen machen, die je ein Mensch gegen die Geschichte des Menschen erhoben hat.» Mit diesen Worten endete das Exposé zur Kriminalgeschichte des Christentums, das Karlheinz Deschner dem Rowohlt Verlag im Frühjahr 1970 übersandte. Heute, 43 Jahre später, ist es vollbracht – und der Autor hat nicht zu viel versprochen: Tatsächlich ist die Kriminalgeschichte des Christentums eine der grössten Anklageschriften, die jemals verfasst wurden. In zehn Bänden mit nahezu 6000 Seiten und mehr als 100’000 Quellenbelegen hat Deschner eine Generalabrechnung mit der «Religion der Nächstenliebe» vorgelegt, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht. Völlig zu Recht gilt das Werk als Meilenstein der modernen Religionskritik, ja: der kritischen Geschichtsschreibung schlechthin. Das liegt nicht nur an der Fülle der Inhalte, die Deschner entgegen allen Denktabus zur Sprache bringt, sondern auch an der Brillanz der Darstellung: Bei Deschner treffen die besten Elemente von Wissenschaft, Philosophie und Kunst aufeinander, vereinigen sich kritische Rationalität, humanistisches Ethos, künstlerische Sensitivität und ästhetische Gestaltungskraft zu einer einzigartigen Synthese. Da ist kein Wort zu viel, keines zu wenig, ein fulminanter Spannungsbogen zieht sich durch das gesamte Werk, vom furiosen Auftakt des ersten Bandes bis zum Schlusswort des letzten. Die Kriminalgeschichte des Christentums erscheint uns heute in ihrem monumentalen Aufbau so stringent und urwüchsig wie eine gotische Kathedrale oder eine Bruckner-Sinfonie, weshalb es kaum vorstellbar ist, dass sie ursprünglich nur einen einzigen schmalen Band umfassen sollte. Tatsächlich stand in dem Vertrag, den Rowohlt 1970 mit Deschner abschloss, dass der Autor bis Ende 1972 ein höchstens 350-seitiges Manuskript vorlegen sollte (geplanter Veröffentlichungstermin: Frühjahr1973). Im Zuge der Ausarbeitung nahm das Projekt jedoch immer grössere Dimensionen an. Aus dem einen Band wurden bald zwei Bände («Von Konstantin dem Grossen bis zum Hochmittelalter» und «Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart»), kurz darauf drei («Von den Anfängen bis zu Karl dem Grossen», «Von Kaiser Karl bis Martin Luther» und «Von Luther bis heute»), Ende der 1970-er Jahre – noch immer war keine einzige Zeile der Kriminalgeschichte erschienen! – stellte der Autor eine sechbändige Ausgabe in Aussicht (ein Band Antike, zwei Bände Mittelalter, drei Bände Neuzeit). Es ist nicht zuletzt dem Engagement von Hermann Gieselbusch, Deschners langjährigem Lektor bei Rowohlt, zu verdanken, dass der Verlag das Projekt nicht vorzeitig zu den Akten legte. Man kann sich leicht vorstellen, wie gross der Druck gewesen sein muss, der auf Gieselbusch lastete, zumal Deschner zwischen dem Abschluss des Vertrags bei Rowohlt und dem Erscheinen des ersten Bandes der Kriminalgeschichte zwölf (!) weitere Bücher (u. a. «Das Kreuz mit der Kirche» und «Ein Jahrhundert Heilsgeschichte») bei fremden (!) Verlagen veröffentlichte, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Wahrscheinlich glaubte bei Rowohlt Anfang der 1980-er Jahre kaum noch jemand an Deschners Opus magnum, doch Gieselbusch, von Autor und Werk begeistert,gab nicht auf. Ein- bis zweimal im Jahr besuchte er Deschner in Hassfurt, um das Projekt mit ihm zu besprechen. Diese Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Im September 1986, 16 Jahre nach Vertragsabschluss, kam der erste Band der Kriminalgeschichte des Christentums auf den Markt. Und augenblicklich stand Deschner wieder im Fokus der Öffentlichkeit, wie schon nach der Publikation seiner literarischen Streitschrift «Kitsch, Konvention und Kunst» (1957) oder der ersten grossen Christentumskritik «Abermals krähte der Hahn» (1962). Unzählige Einladungen zu Lesungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Rundfunkund Fernsehsendungen folgten. Glücklicherweise hatte er so viel vorgearbeitet, dass die Bände 2 (1988) und 3 (1990) trotz der zusätzlichen Belastung rasch aufeinander folgen konnten. Hätte er diesen Zweijahresrhythmus eingehalten, wäre Band 10 bereits 2004, zu seinem 80. Geburtstag, herausgekommen. Doch nun forderten die vielfältigen Verpflichtungen ihren Tribut, weshalb Band 4 erst 1994, vier Jahre nach Band 3, erschien. Hermann Gieselbusch und Herbert Steffen, der Deschners Werk nach dem Tod des Mäzens Alfred Schwarz unterstützte, waren alarmiert: Bei gleichbleibender Frequenz würde Band10 erst 2018 erscheinen – zum 94. Geburtstag Deschners! Die Zweifel wuchsen, ob er angesichts seines fortgeschrittenen Alters die Mammutaufgabe einer Vollendung der Kriminalgeschichte überhaupt noch bewältigen konnte. Doch der Autor widerlegte alle Zweifel: In rascher Folge erschienen die Bände 5 (1997), 6 (1999), 7 (2002) und 8 (2004). Nach seinem 80. Geburtstag musste Deschner jedoch immer häufiger Pausen einlegen. Und so dauerte es vier Jahre bis zur Veröffentlichung des neunten Bandes (2008), weitere fünf Jahre bis zum Erscheinen des zehnten (2013). Auch wenn seine Leserinnen und Leser es nicht merken werden: Für den Autor war die Arbeit an diesem letzten Band streckenweise eine Tortur. Umso glücklicher dürfen wir uns schätzen, dass nun, 40 Jahre nach dem ursprünglichen Veröffentlichungstermin, die Kriminalgeschichte des Christentums vollständig vorliegt. Dass die Darstellung nur bis zur Französischen Revolution reicht, ist nicht dramatisch, schliesst doch das grosse Werk über die neuere Politik der Päpste (1982/83;1991) – gleichsam der 11. Band der Kriminalgeschichte (Wiederveröffentlichung 2013 im Alibri Verlag) – nahtlos an die Thematik des 10. Bandes an. Der lange Atem, den Deschner, sein Lektor Gieselbusch, der Rowohlt Verlag sowie die vielen Unterstützer des Autors in den letzten Jahrzehnten bewiesen haben, hat sich gelohnt: Denn im Unterschied zu den Nullbotschaften, frei denken. 2 I 2013 11 die Jahr für Jahr den Büchermarkt überschwemmen, wird Deschners Werk Bestand haben – nicht nur, weil die Themen, die dieser leidenschaftliche Aufklärer behandelte, aktuell bleiben werden, sondern vor allem, weil Schriftsteller seines Formats seltene Ausnahmeerscheinungen sind in dem Meer der Mittelmässigkeit, das uns umgibt. Aus dem Beiheft zum Erscheinen von Band 10, mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt-Verlags. Der mitfühlende Blick des Karlheinz Deschner 1998 war Karlheinz Deschner zu Gast in Winterthur, wo im Rahmen der Litera’thur Wochen sein Werk neben jenem anderer radikaler SchriftstellerInnen wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek präsentiert und debattiert wurde. Deschner las aus seinem Buch «Die Nacht steht um mein Haus». Sorgfältig gewählte, eindringliche Worte eines Dreissigjährigen über schonungslos Beobachtetes und Gefühltes – Autobiografie und Zeitkritik, vorgetragen mit eher leiser Stimme. Anderntags dann die Schweizer Premiere von Ricarda Hinz’s Film «Die hasserfüllten Augen des Karlheinz Deschner» im Kino Loge. Beeindruckend zu sehen, wie blind gewisse KirchenvertreterInnen sind, wie entlarvend ihre Aussagen, wie wenig sie in Deschners Augen lesen können, von seiner Abscheu vor den gesammelten Gräueln und seinem Mitgefühl für die Opfer von 2000 Jahren christlichem Kirchentum. Die Vertreter der christlichen Nächstenliebe verstehen sich sehr schlecht darauf, Empathie für die Opfer der Verfehlungen ihrer eigenen Institution zu empfinden. Ich fragte mich in jenen Tagen, woher ein so feinfühliger Mensch wie Karlheinz Deschner die Kraft nimmt, sich über einen bedeutenden Teil seines Lebens mit den Abgründen der christlichen Geschichte zu befassen. Im filmischen Porträt «Ketzerverbrennung» begründet er sein Engagement damit, «dass ich das Unrecht nicht leiden kann». Er sei sich auch bewusst, dass sein Werk kaum eine Wirkung haben würde, wie alles, was wir tun, durch den Lauf der Zeit relativiert werde. Aber er habe getan, was er tun musste, um nicht vor sich selber ausspucken zu müssen. In diesem Sinne bedauert Karlheinz Deschner allenfalls, sich nicht vorrangig für die Rechte der Tiere eingesetzt zu haben, eine noch notwendigere Sache, für ihn heute die notwendigste: «Wer die Kirche verlässt: ein Lichtblick für mich; wer kein Tier mehr isst: mein Bruder.» Die Freidenkerbewegung ist Karlheinz Deschner zu grossem Respekt und Dank verpflichtet, für sein Werk als Dokumentalist unangenehmer Wahrheiten über das Christentum, aber auch als selbstkritischer Beobachter seiner selbst und seiner und unserer Zeit. Reta Caspar Werkverzeichnis und Resonanz auf www.deschner.info Videos (zu finden auch auf youtube.com): Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums Band 10: 18. Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit Verlag Rowohlt 2013, ISBN 9783498013318 Neuauflage und sozusagen 11. Band der Kriminalgeschichte des Christentums Von Pius IX. bis Benedikt XVI. – die Politik der Päpste Deschners Darstellung beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die katholische Kirche aufgrund europaweiter Demokratisierungsbestrebungen erheblich an Macht verliert und naturwissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlagen des Glaubens weithin erschüttern. Gegen beides stemmen sich die Päpste vehement, unter anderem bestrebt, den verlorenen Kirchenstaat wiederherzustellen. Detailreich-sachlich und wohlbelegt führt Deschner die Untersuchung von Pontifikat zu Pontifikat: von Pius IX., dem Verkünder päpstlicher Unfehlbarkeit, zu dem mit allen Wassern gewaschenen «Arbeiterpapst», dem hochpolitischen, wieder die Weltherrschaft anstrebenden Leo XIII. (Graf Pecci); weiter zu dem antimodernistischen und russenfeindlichen Pius X., der Österreich 1914 anspornen liess zum Krieg gegen die Serben («Ritter-Telegramm»), und zu Benedikt XV., der auf die Seite der späteren Sieger schwenkt, ins Lager der Entente, und so den Vatikan zu einem der Kriegsgewinnler macht. Sein Nachfolger Pius XI., der einflussreichste Papst des Jahrhunderts, unterstützt Mussolini, Hitler, Franco, den Abessinienkrieg, den Spanischen Bürgerkrieg. Und Pius XII., umstritten bis heute, setzt diesen von ihm seit Langem mitbestimmten antikommunistischen Kurs fort – zur Verfolgung und Vernichtung der Juden fast ausnahmslos schweigend und die besonders grauenvolle massenhafte Hinschlachtung orthodoxer Serben durch die katholischen Ustaschen in Kroatien unter Ante Pavelic widerspruchlos duldend. Deschner weist nach, dass die Stellvertreter Gottes, ihrem moralischen Anspruch entgegen, auch in dieser letzten grossen Epoche stets auf der Seite jener Mächtigen standen, von denen sie sich Unterstützung für ihre imperialen Ziele erhofften. Auch mit Johannes XXIII. und dem II. Vatikanischen Konzil änderte sich das nicht wesentlich. Paul VI. setzte alles daran, den sogenannten Reformgeist zu zähmen, und Johannes Paul II. kehrte endgültig zur Machtpolitik unter konservativem Vorzeichen zurück. In einem Nachwort für die Neuausgabe zeichnete Michael Schmidt-Salomon die Entwicklung seit dem Ende des real existierenden Sozialismus nach. Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege Alibri Verlag, 2013 ISBN 9783865691163 Die hasserfüllten Augen des Karlheinz Deschner Karlheinz Deschners «Kriminalgeschichte des Christentums» im Kreuzfeuer. Ein Film von Ricarda Hinz und Jacques Tilly Getrennt aufgenommene Aussagen zahlreicher Kirchenvertreter und radikaler Kirchenkritiker werden zu einer präzisen inhaltlichen Diskussion zusammengeführt. Eine solche Konfrontation käme in der Realität nie zustande. Zugleich dokumentiert das Video das Schaffen und die Persönlichkeit Karlheinz Deschners. Die Filmemacher begleiteten ihn ein Jahr lang bei seiner Arbeit und auf Lesereisen in Deutschland und der Schweiz. Dabei sammelten sie spontane Reaktionen seines Publikums. Diese authentischen Äusserungen markieren die Bedeutung der Aufklärungsarbeit Deschners. Video, 1998, 70 Minuten, ISBN 3924041148 Ketzerverbrennung Ein Film von Peter Kleinert und Marianne Tralau Anlässlich Deschners 70. Geburtstag im Mai 1994 gratulierten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom KAOS-Team und verschiedene Künstler und Künstlerinnen dem Autor mit einem fulminanten Fernsehmagazin auf KANAL 4. Der Sender SAT 1 verweigerte die Ausstrahlung des Magazins wegen «Verletzung der religiösen Gefühle» von Kirch und Springer.» Video, 1994, 30 Minuten, ISBN 389151901X frei denken. 2 I 2013